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Machtspiele beim Essen

Junge schaut böse, während er Nudeln isst
© Andreas Breitling auf Pixabay

Besonders Kleinkinder haben nur wenig Freiraum, selbst über ihr eigenes Leben zu bestimmen. Die Mahlzeiten bilden die erste und auf lange Sicht einzige Möglichkeit, doch selbst Macht auszuüben.

Und das nutzen viele Kleinkinder begeistert aus, um sich selbst und ihre Grenzen kennenzulernen. Die Welt muss schließlich noch ausgiebig erkundet werden, die Kommunikation klappt nicht immer so, wie gewollt und nicht einmal so lange wachbleiben, wie man will, kann man. Da ist es kein Wunder, wenn die Selbstbestimmung fast fanatisch beim Essen zelebriert wird.

Die Macht beim Essen

Ihr könnt euren Sonnenschein in seiner Selbstständigkeit unterstützen, indem ihr ihm einen angemessenen Freiraum lasst, um selbst über seine Nahrungsaufnahme zu bestimmen. So verhindert ihr auch, dass ihr einen kleinen Esstisch-Tyrannen heranzieht, der sich verzweifelt an jedes kleine bisschen Macht klammert, dass er irgendwo erahnen kann.

Das bedeutet natürlich nicht, dass euer Kind ab jetzt komplett über das Essen bestimmt. Aber es kann zum Beispiel aus eurer Vorauswahl eine passende Beilage aussuchen und ob es während dieser Mahlzeit überhaupt etwas essen mag. Dadurch könnt ihr euer Kind auf seiner Reise zu einem gesunden Essverhalten und in die Selbstständigkeit gut unterstützen.

Wählerische Esser

Gehört euer Liebling auch zu den eher wählerischen Essern? Das sind die meistern Kleinkinder. Wenn sie etwas nicht mögen, dann mögen sie es nicht. Punkt?

Natürlich könnt ihr euer Kind nicht dazu zwingen, etwas bestimmtes zu essen – so provoziert ihr das Machtspiel nur, da dies die eine Möglichkeit ist, wie euer Kind über sich selbst bestimmen kann. Stattdessen könnt ihr eine kleine Auswahl bei den Mahlzeiten servieren, ein paar gehören zum Lieblingsessen und ein paar sind ungeliebt oder komplett neue Lebensmittel. Es ist auch nicht ungewöhnlich, wenn ein Nahrungsmittel jahrelang abgelehnt und dann auf einmal doch gemocht wird. Kinder akzeptieren neue Speisen nur sehr langsam, mit viel Geduld und ohne Zwang.

Aber was wenn euer Schatz gar nicht essen mag? Lässt er eine Mahlzeit ausfallen, ist das nicht weiter schlimm. Vielleicht hat er gerade nur einfach keinen Hunger. Ein paar Mal wird aber sicher auch euer Kind ausprobieren, seinen Willen mit der Nahrungsverweigerung durchzusetzen. Bleibt gelassen und esst in Ruhe, ohne es zum mit essen zu zwingen. Der Hunger wird früher oder später kommen und euer Kind lernt etwas Neues über seinen Körper kennen, während es seine Macht austestet.

Belohnung oder Strafe

Seit Jahrzehnten ist besonders Gemüse der Kampfgrund Nummer eins am Esstisch. Wird das Kind belohnt, wenn es Gemüse isst? Oder nur bestraft, wenn es sich weigert? Wenn man an Machtspiele beim Essen denkt, ist das sicherlich das häufigste Bild, das dann entsteht.

Lasst ihr euch darauf ein, besteht die Gefahr, dass euer Kind ein ungesundes Essverhalten entwickelt, während es seine Macht ausübt. Jeden Tag die gleiche Diskussion zu führen, ist außerdem sehr ermüdend und fördert ungleiche Machtspiele zwischen Eltern und Kind. Eine kaputte Beziehung ist da fast vorprogrammiert.

Selbst essen können und lassen

Mit etwa neun Monaten kann euer Kind viele Nahrungsmittel selbst essen. Heiße Suppe eignet sich natürlich nur schlecht als Fingerfood, aber die Auswahl an geeigneten Nahrungsmitteln ist riesig. Lasst ihr euer Kind sich selbst füttern, unterstützt ihr seine Entwicklung – motorisch und psychisch. Außerdem könnt ihr auch endlich mal wieder heißes Essen zu euch nehmen, das ist auch viel wert.

Mit etwa 15 oder 16 Monaten könnt ihr ihm auch passendes Kinderbesteck anbieten, damit es seine Macht, sich selbst zu ernähren, noch besser ausleben und sich dabei den Großen ganz nahe fühlen kann. Natürlich habt ihr trotzdem die ganze Zeit ein Auge darauf, dass es genug essen kann, um seinen Hunger zu stillen. Hat euer Kind einmal einen schlechten Tag oder die Mahlzeit ist noch zu kompliziert, füttert ihr es natürlich weiterhin. Wenn ihr vorher fragt, ob es eure Hilfe haben möchte, kann es auch weiterhin über sich selbst bestimmen.

Wenn Macht gefährlich wird

Während euer Kind sich selbst auslebt, kann es in einen kleinen Machtrausch geraten. Das heißt, dass es zum Beispiel bestimmte Mahlzeiten einfordern könnte, denen ihr aber nicht nachgeben müsst. Natürlich kann es sich ein Essen wünschen und sehr wahrscheinlich werdet ihr es auch liebevoll zubereiten – solange es nicht jeden Tag das gleiche ist. Dagegen ist auch nichts einzuwenden.

Wenn euer Kind aber nur noch ein Nahrungsmittel zu sich nehmen will, kann es gefährlich werden, wenn ihr dem nachgibt. Auf Dauer gehen so wichtige Inhaltsstoffe wie Vitamine oder Spurenelemente verloren, die euer Kind zum Leben braucht. Dem könnt ihr aber mit einem ausgewogenen Mahlzeitenplan entgegen wirken. Kocht, wonach euch der Sinn steht und lasst euer Kind dann entscheiden, was und wie viel es davon essen möchte.

Wirklich gefährlich wird es aber, wenn euer Kind die Macht über seinen Körper über zu wenig oder zu viel Nahrung ausüben will. Eine Essstörung ist eine ernstzunehmende Krankheit. Habt ihr Sorge, dass euer Kind sich in diese Richtung entwickeln könnte, dann sprecht mit eurem Kinderarzt darüber. Wenn es nötig ist, wird er euch an die richtigen Stellen weiterverweisen.

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