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Meilensteine der kindlichen Sprachentwicklung

Kind mit Buch
©Photo by Ben White on Unsplash

Von „Wauwau“ zu „Der Dackel mit den kurzen Beinchen ist mir gestern vom Spielplatz bis zum Teich im Park hinterher gelaufen“

Sprache dient der Verständigung, dem Ausdruck von Wünschen, Bedürfnissen sowie inneren Zuständen, aber auch der Bezeichnung von Vorgängen und Gegebenheiten in unserer Welt. Der Mensch beginnt diese einzigartige Fähigkeit bereits im Mutterleib zu erwerben. Über den gesamten Lebensverlauf entwickelt sich diese Kompetenz weiter, sofern keine kognitiven Einschränkungen, emotionale oder soziale Vernachlässigung den Spracherwerb erschweren bzw. verhindern. Dabei nimmt das Geschlecht Einfluss auf die Geschwindigkeit des kindlichen Spracherwerbs. Mädchen zeigen einen etwa zweimonatigen Entwicklungsvorsprung vor Jungen.

Der Spracherwerb beginnt, bevor ein Kind auf der Welt ist. Der Fetus nimmt Sprache im Mutterleib wahr und entwickelt sogar eine Vorliebe für die Stimme der Mutter. Grundlage dafür ist die Prosodie, also das charakteristische Muster der gesprochenen Sprache, das sich u.a. aus Rhythmus, Tempo und Betonung zusammensetzt. Voraussetzungen für einen erfolgreichen Spracherwerb sind neben dem Gehör ein funktionsfähiges Gehirn, um die Reize aus der Umwelt verarbeiten zu können, und ausreichend Input, also Kontakt mit der Muttersprache. Aber auch nicht hörende Kinder erwerben Sprache: die der Gebärden. Schon mit circa fünf Jahren beherrscht ein Kind die Grundstruktur seiner Muttersprache.

Phonologie/Phonetik (Aussprache)

Sprachliche Laute sind für zwei Monate alte Säuglinge bereits spannender als andere Geräusche. Im Alter von vier Tagen können sie sogar Unterschiede zwischen zwei Sprachen wahrnehmen, von denen keine ihre Muttersprache ist: Es ist ihnen möglich, über 600 Konsonanten und 200 Vokale der Sprachen dieser Welt zu unterscheiden. Schließlich entwickeln sie mit sechs Monaten eine Präferenz für Laute und Betonungsmuster der Muttersprache, was ihnen beim Erkennen von Wortgrenzen hilft. Die produktive Facette der Sprache äußert sich zunächst im Schreien eines Kindes (0 bis 6 Wochen), gefolgt vom Quieken, Gurren, Brummen oder vokalähnlichen Äußerungen (7. Woche bis 3. Lebensmonat), die ein Ausprobieren der Sprechwerkzeuge anzeigen. Daran schließt sich das sogenannte Lallen an. Das können sich wiederholende Silben wie bababa (Kanonisches Lallen ab 6. Lebensmonat) und später variierende Silben wie bamefo sein (Variierendes Lallen ab 9. Lebensmonat). Es entstehen sogar „Dialoge“ mit den Bezugspersonen, denn den Kindern wird bewusst, dass ihre Äußerungen Reaktionen beim Gegenüber hervorrufen.

Mit Ende des ersten Lebensjahres treten die ersten Wörter auf, wobei Lallen und Lautmalereien (wauwau für Hund) weiterhin produziert werden. Zu beobachten sind Vereinfachungen wie mate für Tomate oder fiege für Fliege. Durch Ersetzungsprozesse kann es zu (komischen) Missverständnissen kommen. So etwa, wenn ein Kind sagt, es wünsche sich zum Geburtstag einen Herd, aber tatsächlich ein Pferd gemeint ist. Einige Prozesse gelten bis zu einem gewissen Alter als typisch für den Spracherwerb, wie die Ersetzung von /k/ durch /t/ (Vorverlagerung: Wetter statt Wecker), andere sind eher ungewöhnlich und damit Hinweis auf eine Sprachentwicklungsverzögerung oder -störung. Dazu zählt beispielsweise das Hinzufügen eines Lautes am Wortende (Schaft statt Schaf). Darüber hinaus sind einige Laute einfacher zu produzieren als andere: Während /m/ und /d/ bereits zwischen 1;6 bis 1;11 Jahren produziert werden können und damit zu den ersten Lauten gehören, die ein Kind äußert, wird das /sch/ erst mit etwa 4;6 Jahren artikuliert.

Lexikon/Semantik (Wortschatz)

Vor der Produktion erster „echter“ Wörter steht das Erkennen der Wörter im Sprachstrom, gefolgt vom Verstehen. Letzteres gelingt ab dem 6. bis 12. Lebensmonat, wobei Kinder bereits mit dem 4. bis 5. Lebensmonat eine selektive Aufmerksamkeit für den eigenen Namen zeigen (Cocktailparty-Effekt). Um den 11. Lebensmonat verstehen Kinder etwa 50 Wörter, mit dem 16. Lebensmonat bereits mehr als 169. Das Tempo des Wortschatzaufbaus variiert dabei allerdings stark. Zwischen dem 12. und 18. Lebensmonat werden die ersten Wörter produziert, der Wortschatz wächst langsam auf circa 50 Einträge an. Dies sind überwiegend Bezeichnungen für Personen oder Gegenstände aus der direkten Umwelt (Ball, Auto), personal-soziale Ausdrücke (hallo, danke) sowie relationale Wörter (auf, da, weg). Diese ersten Wortäußerungen beziehen sich auf Personen, Gegenstände oder Handlungen, die in der Lebenswirklichkeit des Kindes eine wichtige Rolle spielen, mit denen es folglich zahlreiche Erfahrungen sammeln konnte. An diesen zunächst langsamen Zuwachs schließt sich mit 18 bis 24 Lebensmonaten häufig ein sogenannter „Vokabelspurt“ an. Nun wächst der Wortschatz auf circa 300 Wörter an. Bei anderen Kindern erweitert sich der Wortschatz nach und nach oder in kleinen Sprüngen. Im Alter von drei Jahren treten schließlich vermehrt komplexere Wörter und solche zur Beschreibung innerer Zustände auf (traurig, sauer, freuen). Lebenslang kommen neue Einträge hinzu.

Syntax/Morphologie (Grammatik)

Im Zeitraum von 12 bis 18 Lebensmonaten befinden sich Kinder in der sogenannten Einwortphase, denn ein Wort repräsentiert einen gesamten Satz. „Saft“ steht etwa für „Ich möchte mehr Saft“ oder „Der Saft ist lecker.“ Mehrwortäußerungen wie „Ball weg“ oder „Turm bauen“ treten ab etwa 18 bis 24 Lebensmonaten auf. Wie in einem Telegramm werden weniger wichtige Informationen ausgelassen, weshalb diese Phase auch als Telegrammstil bezeichnet wird. Mit etwa 2;6 Jahren rückt das Verb von der Position am Ende des Satzes nach vorn und wird zudem an das Subjekt des Satzes angepasst (flektiert). Ein weiteres Jahr später werden auch Nebensätze und W-Fragen geäußert: „Der Junge lacht, weil die Geschichte lustig war.“ Bis zum Schuleintritt treten u.U. Fehler bei der Auswahl der Pluralform auf und auch die korrekte Verwendung des Dativs gelingt noch nicht immer.

Schwierigkeiten beim Spracherwerb

Einige Kinder benötigen Unterstützung während des Spracherwerbs, da sie Verzögerungen in der Entwicklung aufweisen oder aber untypische Muster zeigen. Dies kann sich in Form von Problemen bezüglich der korrekten Bildung oder Verwendung einzelner Laute äußern, als unzureichende Ausdifferenzierung des Wortschatzes bzw. Verzögerungen beim Wortabruf oder auch einer ungewöhnlichen Wortstellung im Satz. Werden diese Auffälligkeiten nicht therapiert, resultieren daraus erschwerte Kommunikationsbedingungen für die Kinder. So kann es zu Missverstehenssituationen oder Ausgrenzung durch die Umwelt kommen. Während individuell angepassten logopädischen Therapien erfahren die Kinder und ihre Eltern die notwendige Unterstützung. Dadurch kann es den Kindern gelingen, Anschluss an die altersgerechte Sprachentwicklung zu finden.

 

Martina Patzwald

Patholinguistin (B. Sc.) & Sprechwissenschaftlerin (M. A.) in der Logopädischen Praxis im HNC Potsdam

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