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Trotzanfälle

Junge weint und schreit aus Trotz
© amandacatherine auf Pixabay

Trotzanfälle sind frustrierend für alle Beteiligten. Wenn ihr es aber schafft, sie nicht mehr als Staatsfeind Nummer 1 sondern als Kommunikationsversuch zu sehen, kann euer Kind daran wachsen.

Trotzanfälle haben einen Grund

Auch wenn es euch manchmal so vorkommen mag, als käme der Trotzanfall eures nicht mehr ganz so sonnigen Sonnenscheins völlig grundlos und aus heiterem Himmel… Er hat einen Grund. Euer Kind fühlt sich in diesem Moment frustriert oder von seinen Gefühlen überfordert und weiß nicht, wie es dies anders kommunizieren soll.

Besonders wenn es eh schon einen schlechten Tag hat, müde oder hungrig ist, kann eine vermeintlich unwichtige Sache zu einem mal mehr mal weniger lauten Trotzanfall führen. Vielleicht will der Flummi einfach nicht so titschen, wie das bei der großen Schwester klappt oder Papa unterbricht das lustige Spiel, weil er noch andere Verpflichtungen hat. Die daraus entstehende Frustration muss irgendwie verarbeitet werden, aber das ist ganz schön schwer, wenn man gerade erst am Anfang seines Lebens steht. Und seien wir ehrlich: Auch uns Erwachsenen fällt das manchmal auch noch sehr schwer.

Die positive – oder nicht ganz so schreckliche? – Nachricht ist, dass Trotzanfälle vor dem ersten und nach dem dritten Lebensjahr eher selten sind. Das Geschlecht ist dabei völlig nebensächlich. Die Hauptphase erleben die meisten Kinder in ihrem zweiten Jahr. Das Sprechen klappt zwar langsam immer besser, aber wenn einen die Gefühle übermannen, können die meisten Kleinkinder noch nicht sagen, wie sie sich gerade fühlen. Schreien, Weinen, Treten oder sogar die Luft anhalten ist da einfach noch einfacher. Je besser euer Kind sich auf andere Weise auszudrücken lernt, umso seltener wird es seinen Frust mit einem Trotzanfall klar machen müssen.

Gehört euer Kind vielleicht zu den Kindern, die am liebsten jetzt sofort und zwar gleich komplett selbstständig sein wollen? Das merkt ihr vielleicht am Essenstisch, während beide Parteien mehr oder weniger verzweifelt versuchen, ihren Willen durchzusetzen. Dieser Machtkampf zieht oft Schreien oder mit dem Essen schmeißen nach sich, bis ihr gemeinsam lernt, euren Konflikt anders zu lösen.

Gemeinsam durch den Sturm

Kennt ihr auch das Bild aus dem Supermarkt? Ihr wisst bestimmt, welches gemeint ist. Ein Kind liegt auf dem Boden, schlägt mit Händen und Füßen auf den Boden ein und schreit oder weint dabei. Und man selbst steht betreten daneben und hofft, dass das eigene Kind sich niemals so verhält.

Aber was, wenn das euer Kind ist?

Natürlich sind Trotzanfälle nicht immer so dramatisch und vor allem öffentlich, wie es in den Medien gerne dargestellt wird – aber auch so kommen sie vor. Egal, wo euer Kind gerade seinen Frust auslebt, ihr habt verschiedene Möglichkeiten, wie ihr damit umgehen könnt.

Am allerwichtigsten ist aber, dass ihr ruhig und gelassen bleibt. So schwer das in dem Moment auch sein mag und ihr euch vielleicht am liebsten direkt daneben werfen und mitschreien würdet. Manche Eltern haben das auch schon mit Erfolg getan, aber das muss man dann auch wirklich wollen und mit den Blicken der anderen Personen umgehen können. Also vielleicht doch lieber ruhig und gelassen bleiben.

Es hilft eurem Kind überhaupt nicht, wenn ihr selbst frustriert werden und es damit noch weiter stresst. Wenn ihr merkt, dass ihr aber frustriert seid, könnt ihr ein paar Mal tief durchatmen, bis ihr wieder etwas herunter gekommen seid. Seid eurem Kind ein Vorbild, das Ruhe ausstrahlt.

Der Grund für den Trotzanfall ist ausschlaggebend für eure weitere Strategie:

  • Euer Kind ist müde oder hungrig? Zeit fürs Bett oder einen Snack.
  • Es fühlt sich unwohl? Verändert die Situation, soweit es euch möglich ist. Vielleicht ist euer Kind gerade zu vielen Reizen ausgesetzt, die es überfordern?
  • Versucht euer Kind, mehr Aufmerksamkeit zu bekommen? Ignoriert sein Verhalten, damit es sich diese Strategie nicht für sein weiteres Leben angewöhnt.
  • Habt ihr eurem Kind etwas verboten, ignoriert ihr sein Verhalten nach einer kurzen Erklärung ebenfalls. Je nachdem, wie stark der Trotzanfall ausfällt, muss die Erklärung aber warten, bis es sich beruhigt hat.
  • Euer Kind wollte etwas Gefährliches tun, was ihr ihm verbieten musstet? Dann kann es sein, dass ihr es sanft festhalten müsst, wenn es zum Beispiel weiterhin versucht, ins Kaminfeuer zu fassen.

Manchmal kann es eurem Kind – und eurem Seelenfrieden helfen – wenn ihr zusammen an einen ruhigen Ort geht, damit es sich beruhigen kann. Eines solltet ihr jedoch nicht tun: Eurem Kind nachgeben, damit es Ruhe gibt.

Die Nachwehen

Ihr habt es endlich geschafft. Der Trotzanfall ist vorbei und euer Sonnenschein kommt langsam wieder zum Vorschein. Wenn ihr mögt, könnt ihr euer Kind loben, dass es sich wieder beruhigt hat. Mit Gefühlen umgehen zu lernen, ist ein wichtiger Entwicklungsschritt für Kinder und bedeutet auch Selbstständigkeit.

Versichert eurem Liebling, dass ihr ihn immer lieben werdet – das ist besonders wichtig, wenn er jetzt verunsichert ist, ob er weiterhin wertvoll ist, da sein Verhalten so unangenehm war. Umarmt euer Kind oder macht Scherze mit ihm, damit sich wieder ein gutes Gefühl zwischen euch ausbreiten kann.

Besonders wenn Trotzanfälle häufiger auftreten, solltet ihr ein Blick auf die Ursachen haben. Liegt es an zu wenig Schlaf oder zu viel Hunger? Dann geht es ab sofort vielleicht besser früher ins Bett oder ihr plant eine feste Snackzeit ein, damit die Bedürfnisse eures Lieblings gestillt sind.

Könnt ihr die Ursache nicht herausfinden oder beheben, könnt ihr euren Kinderarzt um Rat fragen. Manchmal liegt ein körperlicher oder psychischer Grund vor, der anders behandelt werden muss. Vielleicht hat es Schwierigkeiten, bestimmte Reize zu verarbeiten oder Schmerzen, die es verständlicherweise reizbarer machen. Auch eine verzögerte Sprachentwicklung kann Grund für vermehrte Trotzanfälle sein.

 Besonders wenn ihr selbst nur schlecht mit dem Verhalten eures Kindes umgehen könnt, könnt ihr euch auch selbst Beratung holen. Auch hier hilft der Kinderarzt mit passenden Adressen weiter, damit ihr Hilfe bekommen könnt.

Junge zeigt Anzeichen eines kommenden Trotzanfalls
© Urh Kočar auf Pixabay

Trotzanfälle vermeiden

Auch wenn ihr gut mit dem Verhalten eures Kindes umgehen könnt, ist es für alle Beteiligten natürlich am besten, wenn es gar nicht erst zu dieser extremen Reaktion kommt. Deswegen hilft es euch und eurem Liebling, wenn ihr Trotzanfälle so gut es geht vermeidet.

  • Schenkt eurem Kind viel positive Aufmerksamkeit

Sagt ihm, dass ihr es liebt und zeigt dies auch. Lobt es, wenn euch ein Verhalten oder eine Leistung gefällt – oder drückt eure Anerkennung anders aus, wenn ihr es nicht manipulativ loben möchtet. Wenn ihr mehr über manipulatives Loben erfahren wollt, hat Miriam von How I Met My Momlife einen tollen Beitrag dazu verfasst.

  • Bietet eurem Kind eine entweder-oder Entscheidung an

 Anstatt zu fragen, ob es Obst essen möchte – was schnell zu einem Machtkampf werden kann – könnt ihr fragen, ob es einen Apfel oder eine Birne haben möchte. Diese Taktik könnt ihr auch einsetzen, wenn es etwas erledigen sollte, wie zum Beispiel sich die Zähne zu putzen. Euer Kind fühlt sich selbstständiger, wenn es entscheiden kann, ob es erst den Schlafanzug anziehen und dann Zähne putzen möchte oder andersherum.

  • Versteckt Streitgründe

Jedenfalls soweit es euch möglich ist. Wenn ihr die Schokolade immer offen auf dem Wohnzimmertisch stehen habt, ist die Versuchung immer da und kann schnell zu Frustration werden, wenn euer Kind jetzt keine Schokolade essen soll. In Supermärkten habt ihr leider keine Kontrolle über die Umgebung, deswegen hilft es hier, wenn alle Grundbedürfnisse eures Sonnenscheins gestillt sind, bevor ihr zusammen einkaufen geht.

  • Entwickelt gemeinsam Strategien

Helft eurem Kind, indem ihr ein Code Wort oder eine einfache Geste entwickelt, mit dem es auch sagen kann, dass es überfordert oder zu frustriert ist, um ruhig weiter zu kommunizieren. So wissen alle Beteiligten Bescheid, dass sie euer Kind erst einmal zur Ruhe kommen lassen sollen und euer Kind kann sich sicher sein, dass es ungestört seine Gefühle verarbeiten kann. Das ist auch besonders wichtig, wenn euer Schatz sich in manchen Situationen überfordert fühlt, da er euch so um Hilfe bitten kann, damit ihr ihn retten kommt.

  • Grenzen anerkennen

Beobachtet euer Kind genau, um die Anzeichen zu erkennen, wenn es genug hat. Und handelt dann auch dementsprechend. War der Tag sowieso schon stressig, dann ist ein hektisches Hetzen durch den Supermarkt nicht hilfreich. Hatte es schon viele soziale Kontakte und ist deswegen total erschöpft? Dann sollte die Nachbarin vielleicht besser davon abgehalten werden, eine Umarmung einzufordern – wobei man sie davon eigentlich sowieso abhalten sollte, da euer Kind selbst über seinen Körper entscheiden dürfen sollte anstatt unerwünschten Körperkontakt zu ertragen.

  • Ist es das wert?

Oft verneinen wir etwas instinktiv oder fordern etwas ein, „weil man das eben so macht“. Aber ist es das wert? Vielleicht ist die Forderung eures Kindes überhaupt nichts schlimmes und ihr verbietet es nur, weil ihr denkt, dass ihr das müsst? Dann hat euer Kind heute halt eine blaue und eine rote Socke an – wenn es damit glücklich ist, dann ist doch alle gut. Haben die Leute damit ein Problem, dann kann es euch doch egal sein.

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