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Verlustängste gemeinsam meistern

Junge starrt voller Verlustangst aus dem Fenster
© Monika Rams on Unsplash

Euer Kind weint herzzerreißend und kann sich gar nicht mehr beruhigen, wenn ihr auch nur Anstalten macht, den Raum zu verlassen? Obwohl das eine ganz natürlich Erfahrung ist, sind Verlustängste schrecklich mitzuerleben. Wenn ihr aber versteht, was in eurem Liebling vorgeht und wie ihr damit am besten umgehen könnt, ist es für alle leichter zu überstehen.

Haben Kinder von Anfang an Verlustängste?

Als euer Kind noch ein Baby war, hat es sich wahrscheinlich sehr schnell an andere Bezugspersonen gewöhnen können, auch wenn es diese anfangs etwas misstrauisch beäugt hat. Das legt sich aber recht schnell und ihr habt mehr unter der Trennung gelitten als euer Sonnenschein, denn so lange die Bedürfnisse eines Säuglings gestillt werden, fühlt er sich sicher – sollten die Eltern versterben, sichert dies sein Überleben.

Zwischen dem vierten und dem siebten Lebensmonat fängt euer Baby an zu verstehen, dass etwas auch dann existiert, wenn es den Gegenstand oder die Person nicht sehen kann. Befindet ihr euch also in einem anderen Raum, weiß es, dass ihr nicht bei ihm, sondern an einem anderen Ort seid. Sein Zeitverständnis muss sich aber erst noch entwickeln, weswegen es nicht versteht, dass ihr schnell wieder bei ihm seid – stattdessen kommt es ihm so vor, als seid ihr für immer weg. Also schreit es nach euch, denn es ist mit der Situation überfordert und hofft, dass ihr dadurch wieder auftaucht. Das klappt ja normalerweise auch immer.

Echte Verlustängste

Wirkliche Verlustängste entstehen aber erst um den ersten Geburtstag herum; bei einigen Kindern kann es auch erst mit ca. zweieinhalb Jahren auftauchen, andere Kinder zeigen wiederum nie diese Ängste. Sollte euer Kind zur letzten Kategorie gehören, heißt es natürlich nicht, dass es euch weniger liebt als Kinder, die sofort immer nach Mama und Papa schreien. Es geht nur anders damit um, wenn ihr nicht da seid.

Wenn ihr den Artikel Die nächsten 6 Monate gelesen habt oder euch aus anderem Quellen über die Entwicklung eures Kindes informiert habt, wisst ihr, dass Kinder mit acht Monaten langsam anfangen, unabhängiger von ihren Eltern zu werden. Zeitgleich fühlen sie sich aber sehr verunsichert, wenn sie sich in einem Raum ohne zumindest eine Bezugsperson befinden. In diesem Zeitraum entwickeln die meisten Kinder dann Verlustängste und euer Kind könnte diese Angst ausdrücken, indem es unruhig wird oder zu weinen beginnt, wenn ihr den Raum versucht zu verlassen.

Potentielle Auslöser

Während des gemeinsamen Spiels schnell alleine auf die Toilette zu gehen, kann dann für beide Seiten sehr stressig werden und spontane Überraschungsbesuche auf dem stillen Örtchen sind keine Seltenheit. Noch schlimmer kann es werden, wenn ein Babysitter auf euer Kind aufpassen soll oder ihr es zum Kindergarten bringt – Tränen, Schreie, Festklammern oder völliges Ignorieren aller Anwesenden kann die Folge sein. Sollte euer Kind im Kindergarten Angst haben, euch gehen zu lassen, helfen euch die Kindergärtner weiter. Vielleicht braucht ihr aber auch etwas Trost, weil euer Kind sofort zum Spielen wegläuft, obwohl ihr es zum Abschied noch einmal Knuddeln wolltet…

Hat euer Kind bisher keine Angst vor dem Alleinsein gezeigt, kann diese Angst durch Stress getriggert werden. Der Auslöser ist nicht immer sofort offensichtlich – wart ihr lange oder schwer krank, wisst ihr zum Beispiel sofort, warum euer Sonnenschein so unruhig reagiert, wenn ihr euch wieder aus seiner Nähe entfernt. Manchmal kann aber auch der Wechsel der Kindergärtnerin, ein neues Familienmitglied oder allgemeine Spannungen in der Familie so beunruhigend sein, dass die beste Lösung scheint, sich an Mama oder Papa zu klammern und nie wieder los zu lassen. Wenn ihr euch unsicher seid, was der Auslöser ist, könnt ihr in Ruhe einmal alle Veränderungen durchgehen, euer Kind beobachten oder fragen, was ihm Angst macht.

Wann hört es wieder auf?

Die Dauer und Intensität der Verlustangst unterscheidet sich von Kind zu Kind. Euer Umgang damit beeinflusst dies aber – wie so oft. Lauft ihr bei jedem kleinen Winseln zurück ins Zimmer oder schleppt euer Kind jedes Mal mit ins Bad, kann dies seine Angst bestärken. Ebenso kann euer Kind lernen, dass es so seinen Willen durchsetzen kann und wird versuchen, euch zu manipulieren. Es ist bei sensiblen Kindern aber nicht ungewöhnlich, wenn die Verlustangst bis in die Grundschule anhält.

Verlustangst bei älteren Kindern kann aber auch ein Zeichen für ein schwerwiegendes Problem sein. Vielleicht wird euer Kind im Kindergarten oder der Schule gemobbt oder es hat eine Angststörung, die behandelt werden sollte. Wenn ihr euch Sorgen macht, könnt ihr euren Kinderarzt darauf ansprechen. Symptome für eine Angststörung können zum Beispiel Übelkeit mit oder ohne Erbrechen, Atemnot oder andauernde Alpträume übers Verlassen werden sein.

Was bedeutet es für eure Beziehung?

Die Angst eures Kindes kann in euch ganz verschiedene Emotionen auslösen – von Freude bis Trauer kann da alles dabei sein. Vielleicht freut ihr euch darüber, dass ihr eurem Kind endlich so wichtig zu sein scheint, wie es für euch ist? Es ist aber auch nicht ungewöhnlich, wenn ihr euch jetzt schuldig fühlt, solltet ihr einmal etwas Zeit für euch brauchen. Vielleicht fühlt ihr euch aber auch schlichtweg überfordert, weil euer Liebling mehr Aufmerksamkeit braucht, wie ihr ihm geben könnt.

So oder so, erinnert euch immer wieder daran, dass es ein positives Zeichen für eure Bindung ist und dass es wieder aufhören wird. Mit der Zeit versteht euer Kind, dass ihr wieder kommen werdet, egal wohin ihr geht und hat dann keine Angst mehr in dieser Zeit. Während es dies lernt, lernt es ebenfalls wie es mit Stress umgehen und sich runterfahren kann. Wenn es damit Probleme hat, könnt ihr euch Tipps in diesem Artikel holen.

Den Abschied leichter machen

Wenn ihr euer Kind einmal in die Hände einer anderen Person geben müsst, könnt ihr diese Situation für es einfacher zu ertragen machen, wenn ihr die folgenden Dinge beachtet:

  • Der richtige Zeitpunkt

Wenn euer Kind zwischen acht und zwölf Monate alt ist, ist die Wahrscheinlichkeit besonders hoch, dass es Verlustängste entwickelt. Habt ihr die Möglichkeit, solltet ihr deswegen erst danach mit einem Babysitter oder einer Kindertagesstätte versuchen.

Immer hilfreich ist es, wenn euer Kind bereits sein Nickerchen gemacht und gegessen hat, wenn ihr geht, da es dann weniger stressempfänglich ist.

  • Übung macht den Meister

Bevor ihr euer Kind wirklich in die Obhut von jemand anderen gebt, könnt ihr es langsam an diese Situation gewöhnen. Ladet die Person zum Beispiel zu euch nach Hause ein und spielt alle miteinander, damit es in einer sicheren Umgebung Vertrauen fassen kann.

Soll euer Sonnenschein bald eine Kita besuchen, könnt ihr nach Absprache ein paar Mal dort vorbei schauen und gemeinsam Zeit verbringen, ehe der erste echte Kindergartentag ansteht.

Allgemein hilft es eurem Kind, wenn es immer mal wieder kurz von euch getrennt ist und die Abstände sich langsam verlängern – so gewöhnt es sich an die neue Situation ohne dass ihm diese verständlicherweise ewig vorkommt.

  • Seid ruhig, gelassen und konsequent

Führt von Anfang an ein Ritual ein, das eurem Kind zeigt, dass ihr jetzt gehen, aber auch wiederkommen werdet. Dazu könnt ihr ihm liebevoll aber auch bestimmt „Auf Wiedersehen“ sagen. Es hilft ebenfalls, wenn ihr ihm einen Zeitpunkt eurer Rückkehr nennt, den es verstehen kann – zum Beispiel, dass ihr nach dem Mittagessen wieder da sein werdet. Sobald ihr euch verabschiedet habt, solltet ihr auch wirklich gehen; egal wie schwer es euch fällt. Macht ihr Anstalten zu gehen und bleibt dann doch da, verunsichert ihr euer Kind nur.

  • Versprochen ist versprochen und wird auch nicht gebrochen

Wenn ihr eurem Kind sagt, dass ihr zu einem bestimmten Zeitpunkt wieder da sein werdet, dann müsst ihr dann auch wieder da sein. Ansonsten fiebert es im schlimmsten Fall eurer Ankunft entgegen und gerät dann in wirklichen Stress, wenn ihr nicht auftaucht. Neben der allgemeinen Panik verunsichert dieses Erlebnis euren Liebling extrem und er wird sich nicht mehr zutrauen, dass er wirklich alleine bleiben kann.

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